Obwohl der Fluss Emajõgi den
Landkreis Tartu in Nord- und Süd teilt, war er in vergangen Zeiten auch eine
wichtige Ost-West Handelsroute. Flussüberquerungen, die an geografisch
geeigneten Plätzen errichtet wurden, haben eine wichtige Rolle in der
Entwicklung des Landkreises und seines Straßennetzes gespielt. In der Tat war
die Stadt Tartu selbst so ein Ort, wo das breite Flusstal sich verengt und so
eine Stelle bildet, die einfach zu überqueren ist. Bei Fahrten durch die
Landschaft sollte man beachten, dass der Fluss Emajõgi ein Hindernis sein kann
und die Reise zwar verlängern, aber auch interessanter machen kann. 1. Zunächst
überqueren wir den Fluss Emajõgi in Tartu und fahren aus der Stadt heraus, der
Jõgeva Straße folgend. An der Kärkna-Kreuzung biegen wir links ab und
überqueren die Schienen. Nach 1,5 km biegen wir wieder links ab und folgen der
Schotterstraße, die uns direkt zu den Ruinen des Kärkna-Klosters führt. Die ersten schriftlichen Quellen (1234)
erwähnen das Kloster von Kärkna als Valkanam, Valkena oder Falkenau. Später
auch bekannt als das Muuge-Kloster, war es eine der größten
Zisterziensereinrichtungen im alten Livland. Das Kloster wurde von Herman I, dem ersten Bischof von Tartu,
in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegründet. Im Alter wurde er blind
und verbrachte seine letzten Jahre in dem Kloster, wo er auch begraben liegt.
Heute sind für die Besucher noch überwachsene niedrige Mauerstrukturen,
ehemalige Fischteiche der Mönche und der Fluss Amme zu sehen.
2. Wir fahren
zurück auf die Jõgeva-Tartu Straße und setzten unsere Reise gen Norden fort.
Das Dorf Lähte ist ein relativ großer
und regional bedeutender Ort mit ungefähr 1000 Einwohnern. Die Siedlung Lähte
wurde nach dem Großen Nordischen Krieg gegründet. Die ersten schriftlichen
Quellen, die das Dorf (Lecktekül) erwähnen, sind von 1725. Das Gelände einer
ehemaligen Wallburg in der Nähe des Schulgebäudes – Palalinn von Lähte – ist der Beweis für eine weit ältere Siedlung
an diesem Ort. Palalinn war die von Tartu nächstgelegene nördliche Wallburg. Es
wird geschätzt, dass die Wallburg während des letzten Viertels des ersten
Jahrtausends erbaut und bewohnt wurde. Die Gelegenheit, die Aussichtsplattform in Lähte zu besuchen
und den Blick über die wunderschöne Landschaft von Vooremaa zu genießen, sollte
man nicht verpassen.
3. Sobald wir
unsere Reise fortsetzten, wird der schlanke Turm der Kirche von Äksi bald vor uns auftauchen. Von den örtlichen
Geistlichen, war Otto Wilhelm Masing
(1763 – 1832) der bekannteste. Er war Herausgeber von mehreren
estnischsprachigen Zeitungen und Magazinen und führte den Buchstaben „õ“ in das
estnische Alphabet ein. Es gibt ein ihm gewidmetes Denkmal direkt vor dem
Pastorenhaus. Das Saadjärve Naturzentrum
und das Museum der estnischen
Freiwilligen während des Zweiten Weltkrieges in Finnland teilen sich
dasselbe Gebäude im Dorf Äksi am Ufer des Saadjärv-Sees. Hier können Besucher
sowohl über die Natur von Vooremaa, also auch über die heldenhaften Anstrengungen
der estnischen Freiwilligen in Finnland während des Zweiten Weltkrieges etwas
lernen. Von Äksi fahren wir weiter nach Kukulinna, am Ufer des Saadjärv-Sees.
4. Das Gutshaus von Kukulinna liegt am
malerischen süd-östlichen Ufer des Saadjärv-Sees. Ein neogotischer Anbau mit
lanzettförmigen Fenstern und kleinen burgartigen Türmchen wurde an das ältere
Gutshaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinzugefügt und gibt somit
dem gesamten Gut eine gewisse englische Atmosphäre. Leider wurde bisher kein
passender Nutzen für dieses prachtvolle Herrenhaus gefunden und so zerfällt es
allmählich.
5. Nicht weit von
Kukulinna wurde das Hauptgebäude des Saadjärv
Gutes, umgeben von einem hohen Zaun, renoviert. Das Landgut besteht aus
mehreren Nebengebäuden, die ebenfalls erhalten wurden: eine Brennerei, welche
das Haupteinkommen des Herrenhauses während des 19. Jahrhunderts sicherte, ein
Getreidespeicher und ein Trockenschuppen. Das Gärtnerhaus, erbaut aus
Granitstein, ist ein erstklassiges Beispiel für die Architektur des 19.
Jahrhunderts.
6. Weiter geht es
durch Toolamaa auf die Tartu-Narva Straße in Richtung Norden. Igavere ist eins der ältesten
Vooremaa-Dörfer und wurde bereits Anfang des 13. Jahrhunderts in der Chronik
von Henry von Livland als Igateveri erwähnt.
Das Postamt von Igavere, welches vom 18. bis 19. Jahrhundert betrieben wurde, war
ein wichtiger Zwischenstopp auf der St. Petersburg – Tartu – Riga – Postroute.
Neben Normalsterblichen haben auch viele königliche Würdenträger auf ihrem Weg
von St. Petersburg nach Westeuropa hier eine Pause eingelegt.
7. Von Igavere
fahren wir weiter nach Pataste und nehmen die Schotterstraße in Richtung Osten.
Die Wälder verstecken das Dorf Välgi, wo die Kirche des Heiligen Alexander Nevski zu finden ist. Diese orthodoxe
Kirche wurde 1859 auf einem hohen Hügel erbaut. Es gibt viele Grabhügel aus dem
13. Jahrhundert in der Nähe der Kirche. Nachdem wir unsere Fahrt fortgesetzt
haben, erreichen wir bald Selgise,
wo die Landschaft von vielen eiszeitlichen Hügeln geformt ist.
8. Bevor wir
Alatskivi erreichen, fahren wir durch Peatskivi,
welches laut der Volkslegenden der Schlafplatz des estnischen Helden Kalevipoeg
war. Nach einigen heldenreichen Taten legte er sich hier nieder, um sich
auszuruhen. Er fiel in einen so tiefen Schlaf, dass er die Wölfe nicht
bemerkte, die sein Pferd aßen. Ein steinerner Sattel war alles, was übrigblieb (sadulakivi – der Sattelstein). Dieser
hohe Hügel, auf dem im 3. Jahrhundert v.Chr. eine Wallburg stand ist heute
bekannt als Kalevipoegs Bett. Kalevipoegs
Bett ist ein beliebter Platz für Dorffeste, wie zum Beispiel der jährliche
Wettbewerb für starke Männer.
9. Das
beeindruckendste Gebäude des Landgutes von
Alatskivi ist das neugotische Haupthaus, welches vom Gutsherrn Arved von Nolcken selbst entworfen
wurde. Das schwanenweiße Herrenhaus mit einer klar gegliederten Fassade und
vielen kleineren und größeren Türmchen steht am Rande des wunderschönen urzeitlichen
Tals von Alatskivi. Das Interieur ist dekoriert mit großen Kaminen, hölzerner
Wandbekleidung, korinthischen Säulen, Stuckornamenten, Eichenparkett und
deutschen Öfen. All das wird von Spezialisten restauriert, um die ehemalige
Herrlichkeit zurückzuerlangen. In Alatskivi gibt
es außerdem eine Kirche, ein Denkmal für
den estnischen Unabhängigkeitskrieg und einen Friedhof, wo der estnische Dichter Juhan Liiv begraben liegt.
10. Nun wäre es
angebracht einen Abstecher zu machen, um das Juhan Liiv Museum auf der Oja Farm im Dorf Rupsi zu besuchen. Hier, im
Haus seines Bruders Jakob, verbrachte Juhan
Liiv, einer der meist geliebten estnischen Dichter, seine letzten Jahre und
fand Zuflucht während der schweren Zeiten seines Lebens. Es gibt eine Ausstellung
über das Leben und die Aktivitäten der Liivs und eine andere Ausstellung über
das Leben von Eduard Tubin, einem
bekannten estnischen Komponisten, der in dieser Gegend geboren wurde und lebte.
Auf der Fahrt zurück nach Alatskivi besuchen wir auch die ehemalige Naelavere Dorfschule.
11. Zurück in
Alatskivi, biegen wir rechts ab und fahren in Richtung Peipussee. Hier, am Ufer
des Sees, betreten wir eine kulturell komplett andere Region: Hier ist das
Zuhause der Altgläubigen, die über
den See flohen, um den Verfolgungen durch das Russische Reich im 18.
Jahrhundert zu entkommen und die ihren alten Glauben und alte Traditionen
erhalten haben.
Auf beiden Seiten
der Dorfstraßen von Kolkja, Kasepää und
Varnja sind verschiedene Behausungen und Nebengebäude, Kapellen und
Friedhöfe zusehen, die sich bis zur Wasserkante erstrecken mit Zwiebel- und
Gemüsebeeten und Reihen getrockneten Fischs, der unter den Dächern hängt. In
Kolkja und Varnja kann man das Museum
der Altgläubigen besuchen, Touristen dürfen sich sogar die Kapellen
anschauen, solange sie den Kleidungsvorschriften folgen.
12. Auf dem Weg
zurück nach Tartu, nehmen wir die Alternativroute über die Schotterstraße von
Koosa durch Tähemaa und Viira nach
Kavastu. Bevor wir auf die Straße nach Kavastu fahren, besuchen wir das Gelände
der Varbeki oder Uue-Kastre Wallburg,
im Dorf Alevi am linken Ufer des Flusses Emajõgi. Hier, auf dem letzten Stück
festen Untergrunds vor dem Sumpfgebiet, wurde im 13. Jahrhundert eine Festung
erbaut, die Schutz gegen die Feinde von Pskow und Nowgorod bieten sollte. Die
Festung wurde während des Livland-Krieges durch die Russen zerstört. Später, im
18. Jahrhundert, wurde das Fluss-Gasthaus
von Kantsi auf den Ruinen der Festung errichtet, um den Reisenden entlang
des Emajõgi zu dienen. Wie lange genau das Gasthaus betrieben wurde, ist nicht
bekannt. Heute befindet sich an derselben Stelle das Zentrum für das Wildreservat des großen Emajõgi Sumpfgebietes. Die
verschiedenen Schichten der Geschichte unter dem modernen Gebäude aus Stahl und
Glas, sind durch einen Glasboden zu sehen.
13. Wir fahren
zurück nach Kavastu. Das schöne
Herrenhaus wurde leider nicht erhalten. Die Kavastu Molkerei, errichtet aus Granitsteinen, wurde 1992 originalgetreu
am hohen Ufer des Flussesrestauriert
und noch bis 2007 betrieben. Das Markenzeichen von Kavastu ist jedoch das Floß. Floßfahrten über den Fluss
Emajõgi, die einst überall sehr typisch waren, sind leider Teil der
Vergangenheit geworden. Heute ist es nur noch möglich direkt in Kavastu eine
echte Floßtour zu erleben. Kein Verbrennungsmotor oder Elektrizität ist nötig,
das Floß wird mit bloßer Muskelkraft betrieben und kann sogar ein Auto über den
Fluss transportieren. Von Kavastu fahren wir ungefähr weitere 20 km und kehren
nach Tartu zurück. Übersetzung: Angela Olejko